MentalTop an der Grundschule Volkenschwand
Schlaue Schule
Artikel aus "Eltern for Family", 1. Juli 2008
Es war einmal ein kleines Dorf, dessen Bewohner große Pläne hatten. Sie wollten die Klügsten im ganzen Land werden. Bei den Kindern fingen sie an. Zunächst wurde die Klugheit der Sechsjährigen gemessen. Bei 19 von 20 Schulanfängern lag der IQ bei 98 Punkten. Das sollte besser werden. Nur: Es gab zwar weit und breit wunderschöne Hopfenfelder in der Gegend, aber viel zu wenig geistige Nahrung.
Also suchte man nach Rat und fand ihn bei weisen Leuten, die sich mit dem Lernen auskennen. Und tatsächlich: Nur zwölf Monate später fanden sich unter den gleichen Kindern bereits die ersten Hochbegabungen. Und nach einem weiteren Jahr entsprach das durchschnittliche Denkvermögen der inzwischen Achtjährigen schon dem Niveau von Kindern am Gymnasium.
Was wie ein Märchen klingt, passiert in Wahrheit gerade mitten in Bayern, im kleinen Dorf Volkenschwand in der Hallertau. Und die Geschichte ist noch nicht zu Ende. „Wir vermuten, dass sich der IQ der Grundschüler im Mittel noch auf etwa 115 Punkte anheben lässt. Das entspricht dem durchschnittlichen Wert von Studenten in Deutschland“, erklärt Dr. Siegfried Lehrl von der Universität Erlangen.
„Vermuten“ sagt der Hirnforscher aus gutem Grund: „Soweit ich weiß, werden zum ersten Mal die Erkenntnisse aus der Intelligenzforschung in einer Schule systematisch angewandt.“ Zwar wird seit mehr als einem halben Jahrhundert regelmäßig der IQ der deutschen Bevölkerung gemessen und international verglichen, aber ein praktischer Nutzen wurde bislang nicht daraus gezogen.
„Das ist vor allem deshalb so bemerkenswert, weil die grundlegenden Dinge,die das Denken schneller machen, ganz einfach sind“, sagt Lehrl. Und genau diese wurden in einem ersten Schritt an der Schule etabliert:
- Regelmäßig frühstücken.
Das Gehirn ist ein sehr aktives Organ und hat einen enormen Sauerstoff- und Glukosebedarf. Obwohl es nur zwei bis drei Prozent der Körpermasse ausmacht, verbraucht es etwa 20 Prozent der verfügbaren Energie. Sie wird nun täglich beim zweiten gemeinsamen Frühstück mit den Lehrern aufgefüllt. - Viel Wasser trinken.
Weil das Gehirn viel Flüssigkeit braucht, um Informationen so schnell wie möglich zu übertragen, steht immer ein frisch gefüllter Becher auf jedem Pult. Umgekehrt gilt nämlich: Zu wenig Trinken kann den IQ rasch abfallen lassen – um bis zu 15 Punkte! - Reichlich Bewegung.
Wenn das Gehirn beweglich sein soll, muss sich auch der Körper bewegen dürfen. In Volkenschwand gibt es deshalb immer wieder Bewegungspausen, aber auch bewegliche Hocker in den Klassenzimmern, die sogenannten „Swopper“.
Das Gehirn lässt sich trainieren
Ein weiterer Unterrichtsbaustein ist das Gehirntraining. Denn wie fix man lernenkann, hängt ganz wesentlich vom Kurzzeitgedächtnis ab. Das ist der Ort im Gehirn, in dem das bewusste Informationsmanagement passiert. Hier werden nicht nur aktuelle Informationen aufgenommen und verglichen, sondern auch das Wissen organisiert und Handlungen geplant.
Kurz: Wer mit vielen Fakten gleichzeitig jonglieren kann, denkt komplex und kommt auf gute Problemlösungen. Der Erfolg: Die Jungen und Mädchen in Volkenschwand lernen inzwischen wesentlich schneller, als der Lehrplan es vorsieht.
„Kein Wunder“, sagt Dr. Lehrl, „da zusätzlich zum Gehirntraining dem Lernen eine mentale Aufwärmphase vorgeschoben wird, können Schüler wirklich viel besser denken.“ Lehrl begleitet die Grundschule Volkenschwand seit einem Jahr, und seit drei Jahren leitet Hans Dasch die Schule. „Er ist der Motor hinter allen Veränderungen“, sagt der Hirnforscher. Und Julia, 10, meint: „Herr Dasch gibt richtig Gas mit uns. Es ist ihm total wichtig, dass wir viel lernen.“
Ein Schulleiter mit Visionen
Für Dasch sind guter Unterricht und tägliches Gehirntraining wichtige Bestandteile eines Erfolgskonzepts, aber noch längst nicht alles: „Damit beides fruchten kann, müssen die Kinder in Kopf und Seele unbelastet sein. Sie müssen sich selbstbewusst fühlen, sich das Lernen zutrauen und an ihren Erfolg glauben“, sagt Dasch. Und nichts davon überlässt er dem Zufall. Bevor es mit dem eigentlichen Unterricht losgeht, wird erst einmal nachgefragt, was gerade in den Schülerköpfen herumspukt. Und das ist eine Menge: „Unsere Katze ist jetzt beim Tierarzt. Ich hab Angst, dass sie nicht wieder gesund wird.“ „Meine Schwester hat Windpocken, und es geht ihr gar nicht gut.“ „Ich fühle mich heute so schlecht, dass ich denke, dass alles schlecht wird.“
Die negativen Gefühle und Ängste dürfen nicht einfach im Raum stehen bleiben. Jeden Morgen wird deshalb nach der Erzählrunde eine Meditation geübt, die dafür sorgen soll, dass die Schüler ihre Sorgen geradezu davonschwimmen sehen: Sie stellen sich vor, wie sie in einen imaginären Wasserfall eintreten, der alle Ängste mit sich nimmt.
Die Kinder kennen noch mehr Übungen: Mangelndes Selbstbewusstsein? Dagegen üben alle Kinder nach der großen Pause gemeinsam die „Tigerkralle“ aus dem Qigong. Unkonzentriert im Unterricht? Wer mag, darf am Rosmarin schnuppern, weil Gerüche direkt aufs limbische System im Gehirn wirken und Rosmarin die Konzentration fördern soll. Selbstzweifel? Lernunlust? Dagegen hilft das mentale Training, wie es im Sport schon lange genutzt wird, um wichtige Ziele und Herausforderungen besser umsetzen zu können.
„Seit fast einem Jahr mache ich jetzt die Übungen, auch vor dem Lernen zu Hause. Früher hatte ich gar keinen Spaß daran und dachte oft: ,Blöde Hausaufgaben!‘ Jetzt geht es ganz locker“, sagt der neunjährige Florian.„So wie beim Schwimmen“, ergänzt Julia.
Seit drei Jahren ist die Grundschule Volkenschwand jedes Mal Kreismeister geworden – obwohl es im Ort nur ein Freibad gibt, das Wintertraining entsprechend mager ist und der Wettbewerb im Frühjahr stattfindet. Das Geheimnis dahinter: mentales Training.
Dass Volkenschwand inzwischen in jeder Beziehung die Nase vorne hat, ist auch im Kultusministerium angekommen. „Hier wird herausragende Arbeit geleistet“, sagt Staatsminister Siegfried Schneider, der früher selbst an einer Hauptschule unterrichtet hat.
Und die Arbeit hört mittags nicht auf. Obwohl es an der Schule außer Hans Dasch nur noch einen weiteren Lehrer und zwei Lehrerinnen gibt, stehen für die Schüler warme Mittagessen auf dem Tisch und jede Menge Nachmittagsangebote zur freien Wahl. „Die mussten her, um die Kinder vom Fernsehen wegzulocken“, erklärt Dasch. „Gerade auf den Dörfern gibt es nur wenige außerschulische Aktivitäten. Aber genau die brauchen Kinder, um ihre eigenen Interessen und Neigungen zu entdecken und ihre Fähigkeiten ausbauen zu können.“
Engagement mit System
Deshalb stärken jetzt 20 Mütter das Lehrerteam. Sie geben Musikstunden, basteln mit den Kindern, bieten Hausaufgabenbetreuung und Leseförderung an. Doch anders als an anderen Schulen bekommen sie mehr als eine freundliche Anerkennung dafür zurück. Nämlich: echte Anbindung an das Kollegium, eine kurze Ausbildung in Pädagogik und Schulrecht, einen Vertrag und 17 Euro Stundenlohn. Dieses an der Grundschule in Volkenschwand entwickelte Konzept nennt sich KESS (Kompetenz Extern für Schule und Schullandheim) und wurde inzwischen vom Kultusministerium offiziell zum Erfolgsmodell geadelt.
Im kommenden Schuljahr soll KESS in ganz Bayern eingeführt werden. Bleibt zu wünschen, dass noch viele andere Bausteine aus Volkenschwand Nachahmer finden. Geldmangel und Ausstattung sind nämlich kein Thema – dieser beispielhafte Unterricht könnte an jeder Schule in Deutschland umgesetzt werden.
Anke Leitzgen
Fotos: Hans-Bernhard Huber









